Mehr als Ausbildung – Dualer Studiengang für Schüler in Gesundheitsfachberufen

Ein Erfahrungsbericht zur ersten Studienphase zweier Physiotherapie-Schülerinnen im Bachelor of Science „Gesundheit und Pflege“ an der Katholischen Hochschule Mainz

Die Akademisierung in den Gesundheitsfachberufen wird zunehmend ein Thema. Für die Gesundheits- und Krankenpflege, die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, die Hebammen- und Entbindungspflege sowie für die Physiotherapie bietet das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg deswegen in Kooperation mit der Katholischen Hochschule Mainz die Möglichkeit eines Dualen Studiums an. Die Schule für Physiotherapie am UKS hat dies jetzt zum Anlass genommen, Erfahrungen aus der ersten Studienphase zu evaluieren. Mit den beiden Physiotherapie-Schülerinnen Miriam Friedrichs und Sophie Müller sprach Ulrich Wirth, der Leiter des UKS-Schulzentrums.

Ein Duales Studium – weniger aufwändig, als es klingt

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Die Idee eines Dualen Studiums besteht darin, einen Ausbildungsberuf mit einem Studienabschluss zu kombinieren. Das bedeutet, dass Teile des Studiums bereits während der Ausbildung absolviert werden müssen. Klingt nach Mehrbelastung? „Während der Ausbildung merke ich die Doppelbelastung kaum“, sagt Miriam Friedrichs, „doch in den Blockwochen mit den Modulprüfungen, wo wir Klausuren schreiben und Präsentationen halten, kann es richtig stressig werden“. Ihre Kommilitonin Sophie Müller betont aber, dass das System ausgeklügelt sei, weil Prüfungen, die während der Ausbildung erbracht werden müssen, durch Zusatzaufgaben auch als Modulprüfung im Studium angerechnet werden. Stichwort Blockwoche: „Wir haben das im Vorfeld so geplant, dass möglichst wenig schulischer Unterricht ausfallen muss“, sagt Elisabeth Hegel, die die Schule für Physiotherapie leitet. Wenn doch, werde der ausgefallene Unterricht kompensiert: „Wir erhalten viel Unterstützung durch die Schule, etwa durch kurze Wiederholungen des Lernstoffs, den wir in Homburg verpasst haben, weil wir in Mainz Blockunterricht hatten“, sagt Sophie Müller. Und auch die Mitschüler würden unterstützen, etwa durch Mitnahme von Material und Weitergabe von Unterrichtsmitschriften. „Umgekehrt profitieren die Mitschüler auch von uns, da wir das Wissen, das wir im Studium erwerben, selbstverständlich weitergeben, etwa bei der allmorgendlichen Behandlungsplanung, in der wir unsere Fälle reflektieren“, ergänzt Miriam Friedrichs. Ein Geben und Nehmen also.

Welchen Mehrwert bringt ein Duales Studium?

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Befragt zu ihrer jeweiligen Motivation, das Studium zu beginnen, holen beide Schülerinnen erst einmal weit aus. Beide hätten sich im Familien- und Freundeskreis zunächst rechtfertigen müssen, ihr Abi nicht zu nutzen, da sie sich bewusst gegen ein Studium entschieden hatten. Dabei wollten beide unbedingt Physiotherapeutinnen werden, zum damaligen Zeitpunkt 2011 gab es aber noch keinen grundständigen Studiengang in Deutschland, wie es im europäischen Ausland seit Jahren Standard ist. Als sich dann aber die Möglichkeit des Dualen Studiums ergeben habe, hätten beide nicht gezögert, sich einzuschreiben. „Für mich war die Kooperation mit der Katholischen Hochschule Mainz sogar der auschlaggebende Grund, meine Ausbildung in Homburg zu absolvieren“, sagt Miriam Friedrichs, die ursprünglich aus der Nähe von Gießen stammt und auch heimatnah einen Ausbildungsplatz gefunden hatte: „Motiviert hat mich die Möglichkeit, mich auch für andere Bereiche jenseits des Berufsfelds einer Therapeutin zu qualifizieren, etwa für den wissenschaftlichen Sektor.“ Hinsichtlich einer Karriereperspektive ist dies keine schlechte Option. „Ging mir ähnlich“, ergänzt Sophie Müller, „denn das Studium ermöglich mir, andere Aspekte wie Management und Organisation zu erlernen, für die ich ein Faible habe“. Die Saarbrückerin hatte Zusagen von allen drei saarländischen Physiotherapieschulen, habe sich wegen des enormen Spektrums, das nur eine Universitätsklinikum bieten könne, jedoch für eine Ausbildung am UKS-Schulzentrum entschieden.
Beide sind sich einig, dass das Studium ein „zweites Standbein“ ermöglicht, etwa um sich selbständig zu machen oder auch um einen Plan B in der Tasche zu haben, wenn der erlernte Beruf der Physiotherapeutin nicht mehr ausgeübt werden kann, z.B. nach einem Arbeitsunfall: „Mit nur einer Hand könnte ich nicht mehr therapeutisch tätig sein“, sagt Sophie Müller, „so einfach ist das“. Ein Duales Studium also aus Gründen der Zukunftssicherung? Beide bejahen das. „Aber nicht nur“, sagt Miriam Friedrichs, „es gibt auch berufspolitische Gründe, denn um beispielsweise als Lehrphysiotherapeut an einer Schule unterrichten zu dürfen, benötige ich zukünftig auf jeden Fall einen Hochschulabschluss“. Darüber hinaus gebe das Studium einen ganz anderen Blick auf das Fach Physiotherapie, aber auch auf sich selbst. Dennoch, und auch darin sind sich beide einig, liege der Mehrwert eines Dualen Studiums auf der Praxisnähe – und dafür ist die Schule zuständig. Miriam Friedrichs bringt es auf den Punkt: „Das Studium macht mich nicht zu einer handwerklich besseren Therapeutin. Aber durch das Studium, welches ich als Weiterbildung betrachte, habe ich gelernt mein therapeutisches Handeln zu hinterfragen.“

Wie wirkt sich das Studium auf das praktische Handeln als Physiotherapeutin aus?

Der ganz andere Blick auf das Fach Physiotherapie sei der entscheidende Unterschied, so die beiden: „Im Fachlichen sehe ich eigentlich keinen Unterschied zu unseren Mitschülern, denn dieses Können erlernen wir ja in der Schule“, so Sophie Müller. „Der Unterschied liegt darin, dass wir reflektierter sind in dem, was wir tun“, glaubt Miriam Friedrichs. Kritisches Hinterfragen von Therapien und Anwendungen, das so genannte Clinical Reasoning, wirke sich entscheidend auf den Therapieerfolg aus. Fächer wie Ethik, BWL und Soziologie beeinflussten die Haltung zum Beruf, auch beginne man anders zu denken, weil das Allgemeinwissen größer werde, sagt Sophie Müller. Vorteile gebe es auch hinsichtlich der Dokumentation. Und durch die Interprofessionalität des Studiengangs nehme man auch eine andere Haltung an gegenüber den anderen Berufsgruppen wie Pflegekräften und Hebammen, was sich in einem Verständnis für einander äußere und im späteren Arbeitsalltag bestimmt von Vorteil sei, so Miriam Friedrichs. Wenn man weiß, dass sich viele Probleme zwischen Berufsgruppen im späteren Arbeitsalltag nur dadurch ergeben, dass die Berufsgruppen kaum ein Wissen um einander haben, ist dies sicherlich ein spannender Aspekt auch für die Unternehmenskultur und Organisationsentwicklung.

Welche weiteren Vorteile bringt ein Duales Studium?

Neben Haltung, Karriere, Zukunftssicherung und einem akademischen Grad bringe das Duale Studium aber noch weitere Vorteile mit sich, sind sich beide sicher. Sophie Müller hat bei ihrer Modulprüfung auf Station schon selbst erfahren, dass sie als Physiotherapeutin ernster genommen wurde, als sie einem Arzt gegenüber ihre Therapie mit Studienergebnisse begründete, was diesen zu einem „Upps“ veranlasst habe. Im anschließenden Gespräch habe sie dann erwähnt, dass sie studiere: „Das gibt dem Beruf einen anderen Stellenwert und ermöglicht Kommunikation auf Augenhöhe, weil ich von Berufsgruppen, die studiert haben, ernster genommen werde“. Das müsse man an sich natürlich nicht gut finden. Letztlich profitiere davon aber der Patient, denn man könne Ziele und Verordnungen besser begründen und damit mehr erreichen

Auch die Schule profitiert

Von der Schule für Physiotherapie und dem Team um Schulleiterin Elisabeth Hegel fühlen sich die beiden gut unterstützt. Ob man etwas verbessern könne? Ja, sagen beide, man könne z.B. mit Serviceleistungen wie einer Adressliste die Wohnungssuche in Mainz enorm erleichtern. Auch wünschen sich beide einen stärken Einbezug von aktuellen Forschungstexten in den Unterricht.
Und auch, dass die allgemeineren Ausbildungsinhalte wie z.B. Soziologie oder Themen wie Angst und der Umgang mit dem Sterben eine stärkere Verknüpfung zur Praxis erfahre. „Wie war das noch gleich mit dem kritischen Hinterfragen“, lacht Schulleiterin Elisabeth Hegel: „Als lernendes System freuen wir uns ausgesprochen über sachdienliche Hinweise“.

Hintergrund
Der Studiengang Bachelor of Science „Gesundheit und Pflege“ hat zum Ziel, wissenschaftliche Grundlagen, Methodenkompetenz und berufsfeldbezogene Qualifikationen zu vermitteln. Durch das Duale Studium werden die Absolventen in die Lage versetzt, eigenständig und entsprechend dem aktuellen Stand der Forschung ihre Erkenntnisse auf Fragestellungen der Praxis zu beziehen. In der physiotherapeutischen Praxis werden Fachkräfte benötigt, die gemäß den gesetzlichen Vorgaben die wissenschaftliche Expertise nutzen, um den besonderen Anforderungen des Einzelfalls in den vielfältigen Handlungssituationen gerecht zu werden. Durch die Etablierung des Schwerpunkts „Klinische Expertise“ hat die Katholische Hochschule unlängst die strukturellen Voraussetzungen geschaffen, um dieses notwendige und differenzierte Expertenwissen zu generieren.

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