Solidarität unter Hebammen – so nötig wie eh und je

Die Homburger Hebammen-Schule gratuliert dem Deutschen Hebammenverband zum 130. Geburtstag

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Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Hebammenverbands.

Die Gründung des Hebammenverbandes hatte durchaus tragische Gründe. Am 3. Oktober 1885, also vor 130 Jahren, trafen sich 300 Hebammen in Berlin. Anlass dafür war der Umstand, dass eine verstorbene Kollegin, die viele Jahre berufstätig gewesen war, nicht genügend Geld hatte ansparen können für ihr eigenes Begräbnis. Weil die Hebammen aufgrund ihres Status als Selbständige nicht unter die Regelungen der seit den 1880er Jahren unter Reichskanzler Otto von Bismarck geschaffenen Sozialversicherung fielen, hatte es zu dieser misslichen Situation kommen können. Die Kolleginnen legten zusammen und nutzen die Versammlung gleichzeitig, um den ersten Hebammenverband zu gründen, der sich als Solidargemeinschaft verstand, aber auch berufspolitische Zwecke erfüllen wollte. Die derart organisierten Hebammen hatten auf die Agenda gesetzt, die ökonomischen Bedingungen ihrer Arbeit zu verbessern, womit sie sich Anerkennung zu verschaffen erhofften:

„Wir müssen bei uns selbst anfangen, müssen unermüdlich danach streben, uns durch Fortbildung ein gründliches Wissen zu erringen. Dann wird dem Hebammenstande Ansehen und Achtung nicht versagt werden können“, hatte es Olga Gebauer auf der Gründerversammlung formuliert.

1890 fanden sich bereits über 900 Frauen in Berlin auf dem ersten deutschen Hebammentag ein. Dort fokussierten sie hauptsächlich auf das Einkommen: „Denn seitdem ab 1850 in Preußen für die Ärzte die Geburtshilfe ein Pflichtfach wurde, verdienten die Hebammen nur einen Hungerlohn.“ Jenseits der Berufspolitik ging es aber auch um – im wahrsten Sinne des Wortes – „handfeste“ Dinge, so die gründliche Desinfektion in Kreißsälen und Geburtszimmern. Zwar hatte Ignaz Semmelweis bereits 1846 nachweisen können, dass das für Mutter und Kind lebensbedrohliche Kindbettfieber durch Kontaktinfektionen mit Bakterien durch die ungewaschenen Hände der Ärzte hervorgerufen wurde. Indes hatte sich diese Erkenntnis lange nicht durchsetzen können, weil Semmelweis‘ Befund nicht durchgehend anerkannt wurde, so dass die hygienische Situation von den Hebammen nach wie vor als unzureichend bemängelt wurde.

Hygiene in Kreißsälen und Geburtszimmern ist heutzutage Standard. Und auch die Hebammen sind im 21. Jahrhundert ein ganzes Stück weiter. Dies spiegelt sich auch in den Berufszugängen wieder: Wer Hebamme (oder Entbindungspfleger) werden wollte, musste bis vor sieben Jahren eine dreijährige Ausbildung an einer der 58 Hebammenschulen in Deutschland absolvieren. Seit 2008 ist die Akademisierung in vollem Gange, so dass Hebammenwesen auch direkt an einer Hochschule studiert werden kann. Die Schule für Hebammen und Entbindungspfleger des Universitätsklinikums des Saarlandes in Homburg (Saar) bietet ihren Auszubildenden die Möglichkeit eines Dualen Studiums. In Kooperation mit der Katholischen Hochschule Mainz kann im dualen Studiengang der Abschluss Bachelor of Science „Gesundheit und Pflege / Schwerpunkt Hebammenwesen“ erlangt werden. Voraussetzung für die Aufnahme des Studiums sind neben der allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife entsprechende Leistungen in der Probezeitprüfung des 1.Semesters der Ausbildung. Im Anschluss an die erfolgreich absolvierte 3-jährige Ausbildung sowie erfolgreich absolviertem 1. Studienabschnitt ist eine Studienzeit von 3 Semestern (ganztags) an der Katholischen Hochschule Mainz vorgesehen, wonach sie den Studienabschluss „Bachelor of Science“ erlangen.

Der 3. Oktober 1885 ist also ein Meilenstein hinsichtlich der Professionalisierung des Hebammenwesens in Deutschland. Doch was ist im 21. Jahrhundert aus der Solidarität geworden? Auch das ist heute noch ein Thema: Im Saarland etwa engagieren sich Hebammen für die Flüchtlinge und stehen diesen mit Rat und Tat zur Seite – unentgeltlich. Olga Gebauer wäre sicherlich stolz gewesen.

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