„Man könnte fast sagen, ein Schlaraffenland für Physiotherapeuten“. Homburger PT-Schülerinnen zu Gast im Landstuhl Regional Medical Center

Herr N., Antonia Wolf, Yelena Chatelain und Esther Nieder (v.l.n.r.)

Von einem nicht alltäglichen Besuch im weltweit größten US-Hospital außerhalb der Vereinigten Staaten berichten Yelena Chatelain, Esther Nieder und Antonia Wolf. Die drei sind Schülerinnen im 4. Semester der Physiotherapie-Schule des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) in Homburg. Sie haben sich auf den Weg ins Landstuhl Regional Medical Center (LRMC) gemacht, um Herrn N. zu besuchen, einen ehemaligen Patienten, den sie ab November 2016 für drei Monate während ihrer klinischen Ausbildung in der Unfallchirurgie behandelt hatten. Mit dabei sind Leonie Fuchs, Fachlehrerin für Chirurgie und Traumatologie, und Ines Schultz, stellvertretende Leiterin der PT-Abteilung der Homburger Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie.

Als alliierter Soldat der US-Streitkräfte war Herr N. während eines Auslandseinsatzes durch eine Explosion schwer verletzt worden, die Nachbehandlung dauerte dementsprechend sehr lang. Von Beginn an war dies eine interessante und auch eine herausfordernde Aufgabe für die Schülerinnen, denn Grundbedingung waren sehr gute Englischkenntnisse: „Im ersten Moment habe ich mich nicht getraut, weil ich dachte, mein Englisch würde nicht ausreichen für eine ordentliche Behandlung. Aber dann habe ich mir ein Herz gefasst und heute bin ich sehr stolz auf mich“, lacht Esther. Zwar steht innerhalb der praktischen Physiotherapie-Ausbildung die Arbeit mit unfallchirurgischen Patienten auf dem Lehrplan, wobei die Schülerinnen von Frau Fuchs als Fachlehrerin und Frau Schultz und deren Kolleginnen und Kollegen als Stations-PT unterstützt werden. „Doch von der Behandlung von Verletzungen solcher Art hatten wir im PT-Unterricht zu diesem Zeitpunkt noch nichts gelernt“, erläutert Antonia. Der tägliche Kontakt zu Herrn N. und seine außergewöhnliche Krankengeschichte motivierten die drei jedoch sehr. Und offensichtlich griff die Motivation auch auf den Patienten über: „The daily training and talking with the young ladies was good for me. It helped a lot”, lobt Herr N.

Im März 2017 wurde Herr N. nach Landstuhl ins LRMC zurückverlegt. „Da wir ihm nach seiner Verletzung im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine geholfen hatten, wollten wir natürlich wissen, wie es mit seiner körperlichen Genesung weitergeht“, sagt Esther: „In vier Wochen Behandlungszeit, dabei 5-mal pro Woche mehr als eine Stunde, lernt man auch die Person hinter dem Patienten kennen.“ Die Gespräche und Themen gingen dabei über den normalen Alltag hinaus: „Wir hörten Musik, sprachen über Filme und TV-Serien, lachten viel und freuten uns täglich aufeinander“, so Esther. Daraus entstand der Wunsch, Herrn N. zu besuchen. Umso toller war es dann, als uns Schulleitung und Schulzentrumsleitung grünes Licht gaben, sind sich die Schülerinnen einig. Doch lassen wir die Schülerinnen jetzt selbst zu Wort kommen.

7:45 Uhr. Empfang

Esther an einem hochmodernen Trainingsgerät, an dem sämtliche beruflichen und sportlichen Bewegungsabläufe realitätsnah simuliert werden können

Es ist Dienstagmorgen, 21. März 2017, 7:45 Uhr. Wir stehen am Gate 3 des LRMC. Zwei Soldatinnen in Uniform holen uns ab. Die eine ist Physiotherapeutin, die andere Ergotherapeutin. Da wir bis zum Treffen mit Herrn N. noch etwas Zeit haben, zeigt uns die Physiotherapeutin Frau Christensen die Räumlichkeiten des Reha-Zentrums, informiert uns über Therapieabläufe, erklärt uns Trainingsgeräte und lässt uns auch einiges selbst ausprobieren. Eine ganz andere Arbeitswelt, als wir sie aus Homburg kennen: „Ein außergewöhnlicher Maschinenpark aus modernsten Trainingsgeräten in einem hellen, lichtdurchfluteten Raum beeindruckt uns sehr und macht uns neugierig“, lacht Esther, „man könnte fast sagen, ein Schlaraffenland für Physiotherapeuten.“

Um uns herum ein ruhiges und entspanntes Arbeitsklima. Viele Patienten trainieren eigenständig, einige werden manuell behandelt, manche Physiotherapeuten tragen Sportkleidung, andere Uniform. „Beeindruckt hat uns, wie freundlich, offen und hilfsbereit alle waren“, sagt Antonia.

9:00 Uhr. Endlich!

Anti-Gravity-Treadmill

Wir treffen unseren ehemaligen Patienten Herr N., für uns das Schönste an diesem Tag! Er begrüßt uns freudig und startet gleich mit seinem Trainingsprogramm. Gespannt beobachten wir und staunen, welche Fortschritte er gemacht hat. Für die Aufwärmphase benutzt Herr N. die „Anti Gravity Treadmill“, ein Anti-Gravitations-Laufband, das es ihm ermöglicht, beide Beine mit reduziertem Körpergewicht zu belasten – „ein bisschen wie auf dem Mond und seiner Schwerelosigkeit“, lacht Yelena.

Hr. N. beobachtet seinen Bewegungsablauf am Monitor

Weiter geht es mit Kraft- und Koordinationstraining, Fasziendehnungen und Manueller Therapie. Hier sehen wir live, was wir im Unterricht in Trainings- und Bewegungslehre, Funktioneller Bewegungslehre (FBL), Manueller Therapie usw. gelernt haben, aber im postoperativen Behandlungsverlauf von stationären Patienten in diesem Maße selten oder gar nicht praktisch anwenden und üben können. Für uns ist das eine Bestätigung, dass uns unsere Lehrerinnen und Dozenten aktuelle und bewährte Therapie- und Trainingsmethoden für die Rehabilitation von Patienten beibringen.

Eigentraining zur Kräftigung lateraler Muskelketten. Im Hintergrund: Meinungsaustausch Arzt und Physiotherapeuten

10:30 Uhr. Wie geht es weiter?

Nach dem Training geht Herr N. zum Verbandswechsel. Zufällig treffen wir seinen physiotherapeutischen Arzt. Physiotherapeutischer Arzt? Wir wussten gar nicht, dass es so was gibt… Dieser bietet uns an, Herrn N.s Röntgenbilder zu zeigen und zu erklären. Wir stimmten sofort zu. Dabei stellen wir fest, dass viele Fachwörter auf Englisch und Deutsch doch gleich sind und dass es nur auf die Betonung ankommt. Wie viel wir doch mittlerweile schon verstehen!

Als Dank für diesen großartigen Tag laden wir Herrn N. und die Mitarbeiter der Reha-Abteilung zu einer Vesper ein. Bei Brezel, Rohessern und Esthers selbstgebackenem Schokoladenkuchen stellt Antonia fest, dass „alle Physiotherapeuten essen gern, egal woher sie kommen“.

In lockerer Gesprächsrunde wird uns großes Interesse entgegengebracht und wir tauschen uns unbefangen aus. Wir werden nach unserer Ausbildung in Homburg gefragt, was wir nach unserem Examen vorhaben und wie wir uns unsere Zukunft im Beruf vorstellen. Wir lernen, dass man in den USA acht Jahre studieren muss, um Arzt der Physiotherapie zu werden. Eine physiotherapeutische Grundausbildung kann bei der Army bereits in acht Monaten absolviert werden, berichtet uns eine der Physiotherapeutinnen. Es gibt also verschiedene Weg diesen Beruf zu erlernen und verschiedene Qualifikationsgrade, je nachdem wie weit man selbst Verantwortung übernehmen möchte.

Bevor wir die Reha verlassen, stellen wir fest: Englisch ist jetzt kein Problem mehr, wir verstehen uns! „Herr N. ist ein Patient, der für immer im Gedächtnis bleiben wird, weil er uns dies gezeigt hat: Auch, wenn man nicht alle Worte versteht oder weiß, kann man mit Gesten und Mimik viel sagen“, ergänzt Esther.

Yelena Chatelain, Ines Schultz, Antonia Wolf, Herr N., Esther Nieder, Leonie Fuchs, Frau Christensen (v.l.n.r.)

13:45 Uhr. Abschied

Obwohl es Herrn N. körperlich sichtlich schwer fällt, begleitet er uns noch zurück zum Gate, wo wir sechs Stunden zuvor sehr nervös und noch müde eingecheckt hatten und das wir jetzt zufrieden und vollgepackt mit neuen Eindrücken und Ideen verlassen. Was haben wir bei diesem Besuch gelernt? Esther bringt es auf den Punkt: „Wir haben gelernt, dass es verschiedene Herangehensweisen in der Physiotherapie gibt und dass man sich alles ansehen sollte. Man nimmt immer etwas Neues mit. Die Amerikaner sind wirklich sehr nett und hilfsbereit, was den ganzen Ausflug sehr positiv gestaltet hat.“

Überraschung

Fünf Wochen später treffen wir Herrn N. wieder. Er kommt nach Homburg, um sich zu verabschieden, denn er wird – viel früher als erwartet –, nach 9-monatiger Behandlungszeit endlich nach Hause entlassen. Bei unserem Treffen im LRMC hatte sein Arzt noch von einer erneuten OP gesprochen und dass sich die Behandlung noch hinziehen würde. Doch entgegen aller Erwartungen hat Herr N. nach unserem Besuch sehr schnell unglaubliche Fortschritte gemacht. „Es ist schon etwas Wunderbares, die Fortschritte eines Patienten sehen zu können“, freut sich Esther, nicht ohne Stolz auf die Arbeit der Physiotherapeuten, „mit mir konnte Herr N. in der Uniklinik an zwei Unterarmgehstützen gerade so über den Flur gehen. In Landstuhl lief er damit schon über das ganze Gelände und beim letzten Besuch hier konnte er mit nur einer über das Unigelände laufen.“ Doch die größte Belohnung, die sie bekommen konnten – da sind sich die drei Schülerinnen einig –, ist ein Foto von Herrn N. mit seiner drei Monate alten Tochter, die er zu Hause das erste Mal auf dem Arm halten konnte. Es ist, wie es Herr N. beschreiben würde, das „Happy End“ des Filmes.

Danksagung

Wir bedanken uns bei

  • Frau Christensen, den Ärzten und der gesamten Belegschaft der Reha-Abteillung des Landstuhl Regional Medicine Center für diese interessanten Einblicke in ihre professionelle, alltägliche Arbeit und ihrem persönlichen Interesse an uns und unserer Ausbildung in Homburg;
  • der Schulleiterin der PT-Schule, Frau Elisabeth Hegel, und Herrn Ulrich Wirth, dem Leiter des Schulzentrums, für ihre Unterstützung dieser spannenden Exkursion, die während des laufenden Unterrichts stattfand;
  • Frau Ines Schultz und ihrem PT-Team für ihre intensive Begleitung während der Betreuung von Herrn N. auf der Unfallstation und darüber hinaus;
  • unseren Mitschülerinnen für die Übernahme der Patientenbehandlungen während unserer Abwesenheit;
  • Frau Leonie Fuchs für die Organisation;
  • und vor allem und ganz besonders natürlich unserem Patienten Herrn N., der uns immer das Gefühl gab, dass wir unsere Arbeit sehr gut machen.

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