„Schmerzpatienten mit anderen Augen sehen…“

Brennnesselreiz (Ronja Krebs, 3. Semester)

Im Schulzentrum des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) in Homburg wird eine qualifizierte und praxisorientierte Ausbildung groß geschrieben. Um die Ausbildung der Physiotherapieschülerinnen und -schüler dem aktuellen Stand der Schmerztherapie anzupassen, widmete die Schule für Physiotherapie dem Thema Schmerz erstmalig eine Projektwoche. Vom 28. August bis zum 1. September 2017 drehte sich der gesamte Unterricht eine Woche lang um das Thema Schmerz. Ausschlaggebend war dabei u.a. die Tatsache, dass sich die Schmerztherapie in Homburg in den letzten Jahren stark etabliert und zu einem eigenständigen Fachbereich entwickelt hat, sowohl für stationäre als auch ambulante Patienten.

Eröffnung der Projektwoche durch Leonie Fuchs

„Ziel dieses Pilotprojekts war es, unsere Schülerinnen und Schüler mit dem Thema Schmerz vertraut zu machen, so dass sie die aktuellen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden bei akuten und chronischen Schmerzen kennenlernen und ein besseres Verständnis für Schmerzpatienten entwickeln“, sagt Leonie Fuchs, Fachlehrerin für Chirurgie/Traumatologie, die die Projektwoche gemeinsam mit ihrer Kollegin Angelika Conrad, Fachlehrerin für Neurologie/Neurochirurgie und Schmerzphysiologie, betreut hat.

„Du kannst Mitgefühl zeigen, tröstende Worte spenden. Aber verstehen kannst Du die Schmerzen des Anderen nur, wenn Du sie selbst jemals gefühlt hast.“

Diesen Gedanken des Dichters Ferdinand Schmuck aufgreifend, wurden zu Beginn des Projektes verschiedene Schmerzversuche durchgeführt, bei denen die Reaktionen auf unterschiedliche Schmerzreize erlebt, gemessen und dokumentiert wurden.

Schmerzreaktion auf Ischämie
Schmerzreaktion auf chemischen Reiz
Schmerzversuch ischämischer Reiz
Schmerzversuch thermischer Reiz

In Fachvorträgen wurden dazu die notwendigen anatomisch-physiologischen Grundlagen vermittelt, ohne die eine gezielte Patientenbehandlung nicht erfolgreich sein kann. An Hand des Bio-psycho-sozialen Schmerzmodells wurden die Auswirkungen von Schmerzen auf den Körper, die Psyche und das soziale Verhalten besprochen. So verstanden die Schüler auch, dass eine erfolgreiche Schmerzbehandlung nur durch ein qualifiziertes Team, bestehend aus Fachärzten, Pain Nurse, Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten usw. erfolgen kann.

Vortrag Dr. Bialas, Leiter der Schmerzambulanz des UKS

Von der Kinderschmerztherapie über verschiedene Schmerzsyndrome bei Erwachsenen bis zum Umgang mit Schmerz im Alter und bei Demenz, lernten die Schülerinnen und Schüler die Folgen und die Behandlungsmöglichkeiten des Schmerzes in allen Altersstufen kennen.

Schmerzmappe: Das Deckblatt zeigt ein Bild, das von einem Schmerzpatienten gemalt wurde

Die medikamentöse Schmerztherapie stand dabei ebenso auf dem Projektplan wie die Erhebung einer Schmerzanamnese, Schmerzbewältigungsstrategien, physiotherapeutische Interventionsmöglichkeiten, Sport und Outdooraktivitäten, Entspannungsmethoden, Spiegeltherapie, integrative Bewegungstherapie, Schmerzbehandlung nach operativen Eingriffen usw. Dabei schlüpften die Schülerinnen und Schüler immer wieder in die Rolle von Schmerzpatienten. Dies wurde zusätzlich durch das Führen eines Aktivitätstagebuchs unterstützt, ähnlich wie es Schmerzpatienten tun: In einer Projektmappe wurden Lerninhalte, Infomaterial und Handouts gesammelt und so ein persönlicher Schmerzordner erstellt.

Outdoorworkshop mit dem Schmerztherapeuten Philipp Heintz

Im Laufe der Woche konnten die Schülerinnen und Schüler auch nach eigenem Interesse entscheiden, an welchen Workshops sie teilnehmen wollten. Dies trug dazu bei, dass alle mit großer Aufmerksamkeit und sehr konzentriert bei der Sache waren.

Marie Weirich (5. Semester), Ronja Krebs, Celine Bärzler und Theo Höchst (alle 3. Semester) in der Patientenrolle

Wurde es der einen oder dem anderen mal zu viel, bestand die Möglichkeit, sich in einen extra dafür eingerichteten „Stillen Raum“ zurückzuziehen. Dort konnten die Schülerinnen und Schüler Erlebtes in Ruhe nacharbeiten und reflektieren, lesen, schreiben, Übungen ausprobieren und sich entspannen. Ein Angebot, das von fast allen genutzt und als sehr wohltuend empfunden wurde.

Maria Leidinger übt selbständig im Stillen Raum
Sarah Bleymehl (3. Semester) und Maria Weirich (5. Semester) im Stillen Raum
Vorbereitung Präsentation

Am letzten Tag des Projektes präsentierten die Schülerinnen und Schüler ihre Lernergebnisse und Eindrücke in Form einer Schmerzcollage, eines „schmerzhaften Gedichtes“, einer Medikamentenumfrage, der pantomimischen Darstellung eines Akutschmerzgeschehens und einer Fotopräsentation. „Es war beeindruckend zu sehen, welch kreative Talente wir unter den Schülerinnen und Schüler der Physiotherapieschule haben“, freut sich Ulrich Wirth, der als Leiter des UKS-Schulzentrums die Projektwoche unterstützt hat.

In der Nachbesprechung stellte sich heraus, dass sich die Wahrnehmung von Schmerz und Schmerzpatienten bei vielen Schülerinnen und Schülern geändert hat: „Schmerzpatienten sehe ich nun mit anderen Augen“, sagt Ronja Krebs. Und ihre Kommilitonin Sarah Kofer ergänzt, man müsse „Schmerzen ernst nehmen und nicht gleich denken, dass Patienten übertreiben.“ Celine Bärzler war es „absolut nicht bewusst, was Kinder und Säuglinge alles aushalten müssen.“ Und Laura Geminn wundert sich, „dass trotz der modernen Schmerztherapie und all dem Fachwissen noch so viele Menschen Schmerzen aushalten, die sie gar nicht aushalten müssten, und dass trotz guter Aufklärung noch so viel Medikamentenmissbrauch betrieben wird.“ Die Schülerinnen und Schüler begrüßten den Kontakt zu den Fachärzten, Psychologen und Schmerztherapeuten, die aus ihrer fachlichen Sicht berichteten und mit vielen Fallbeispielen und Geschichten die Vorträge lebendig und mitreißend gestalteten.

„Ein großes Dankeschön geht daher an alle Dozentinnen und Dozenten, Kolleginnen und Kollegen, die mitgewirkt und zum Erfolg der Schmerzwoche beigetragen haben“, sagt Leonie Fuchs. Und Angelika Conrad ergänzt, dass das Lob selbstverständlich auch den Schülerinnen und Schülern gelte, die sich trotz anstrengender und intensiver Lern- und Schmerzerfahrung nie beschwert oder gejammert und ein großes Durchhaltevermögen an den Tag gelegt hätten.

Das Update in Sachen Schmerz ist bereits geplant: Um in der Schmerztherapie weiterhin auf dem neuesten Stand zu bleiben, werden die Schülerinnen und Schüler am Deutschen Schmerzkongress in Frankfurt 2018 teilnehmen. Weitere Projekte sind in Vorbereitung.

Leonie Fuchs

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