„Meine Arbeitszeit gilt ausschließlich der Anleitung der Hebammenschülerinnen“

Frau Ludivine Pagani ist seit dem 10.10.2018 an der Schule für Hebammen und Entbindungspfleger im Schulzentrum des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) in Homburg als freigestellte Praxisanleiterin angestellt. Eine freigestellte Praxisanleiterin ist für die Hebammenausbildung eine echte Rarität. Dass das UKS diese Stelle neu geschaffen hat, ist ein großer Gewinn für die praktische Ausbildung der Hebammenschülerinnen. Frau Susanne Mack, die Leiterin der Hebammenschule, hat Frau Pagani interviewt.

Mack: Liebe Frau Pagani, Sie sind nun seit Anfang Oktober bei uns an der Hebammenschule als freigestellte Praxisanleiterin. Was heißt eigentlich freigestellt?

Pagani: Freigestellt heißt, dass ich nicht auf dem Dienstplan der Hebammen eingeplant bin, meine Arbeitszeit gilt ausschließlich der Anleitung der Hebammenschülerinnen.

Mack: Das gibt es ja nun nicht oft an Hebammenschulen. Was bringen Sie denn an Berufserfahrung für diese Aufgabe mit?

Pagani: Ich habe mein Diplom 2002 in Frankreich gemacht. Dort studiert man den Beruf der Hebamme. Seitdem habe ich eine große Bandbreite an Berufserfahrung gesammelt: angestellt an verschiedenen deutschen und französischen Kliniken, angefangen von Unikliniken bis hin zur ganz kleinen Klinik, wo immer nur eine Hebamme im Dienst ist. Dazu habe ich auch Erfahrungen in einem Geburtshaus sowie in der Hausgeburtshilfe sammeln können. Und ich habe viele Jahre lang Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungsgymnastikkurse sowie Vorsorgeuntersuchung und häusliche Wochenbettbetreuungen angeboten.

Mack: Wie würden Sie denn den Unterschied beschreiben zwischen einer Hebamme in Deutschland und in Frankreich?

Pagani: In Frankreich dürfen die Hebammen weitaus mehr machen als in Deutschland. Es kommt normalerweise kein Arzt zur Geburt dazu, das macht alles die Hebamme alleine, selbst wenn es eine Frühgeburt ist. Sie hat noch eine Krankenpflegehelferin mit dabei, die einen Arzt rufen kann, wenn es wirklich dringend notwendig ist. Das ist aber nicht so oft der Fall, denn selbst wenn es bei der Geburt zu einer Verletzung gekommen ist (Dammschnitt oder Dammriss) kann das die Hebamme selbst nähen, das lernt sie im Studium. Auch der Ultraschall ist Teil des Studiums und wird in Frankreich von der Hebamme gemacht.

Mack: Gibt es noch weitere Unterschiede, z.B. auch bei der Versorgung der Frauen vor oder nach der Geburt?

Pagani: Ja, auch in der Schwangerschaft ist die Hebamme zu weitaus mehr Tätigkeiten berechtigt und auch ausgebildet als in Deutschland. Sie kann die Schwangere krankschreiben, wenn das erforderlich ist, oder auch Medikamente verordnen. Sie darf Frauen impfen und auch die Krebsvorsorge machen, sowie die Spirale einsetzen oder die Pille verschreiben. Die Hebammen arbeiten in Frankreich also wesentlich selbständiger als hier in Deutschland.

Mack: Und trotzdem arbeiten Sie seit 2005 in Deutschland. Was hat Sie denn dazu bewogen, hierher zu kommen?

Pagani: In Deutschland finde ich gut, dass so ein großer Wert auf die normale Geburt gelegt wird. Die Frauen werden ermutigt, verschiedene Gebärpositionen einzunehmen und man versucht, den normalen Verlauf möglichst zu unterstützen. In Frankreich denkt man, dass es normal ist, bei einer Geburt auf dem Rücken zu liegen und die Beine in Beinhaltern zu haben.

Mack: Und das wollten Sie erleben hier in Deutschland?

Pagani: Genau, deshalb bin ich nach Deutschland gekommen, denn ich wollte in einem Geburtshaus arbeiten. Das gab es damals in Frankreich noch nicht. Erst 2016 hat dort das erste Geburtshaus eröffnet. Und Hausgeburten sind extrem selten in Frankreich. Unter anderem auch, weil es keine Versicherungen gibt, die die Haftpflicht übernehmen.

Mack: Und gefällt es Ihnen in Deutschland noch?

Pagani: Ja, natürlich. Ich finde es schön, dass es in Deutschland möglich ist, die Frauen rundum zu betreuen, also sowohl in der Schwangerschaft, als auch bei der Geburt und noch in der Zeit danach. Dadurch wird es möglich, eine Beziehung zu der Frau aufzubauen, die es für beide Seiten leichter macht und es ist dann auch für alle viel befriedigender. Gerade die häusliche Wochenbettbetreuung ist in Frankreich noch nicht so verbreitet. Die Hebammen machen – wenn überhaupt – höchstens drei bis vier Besuche bei den Frauen zu Hause. Entsprechend schlecht bestellt ist es daher auch um die Betreuung nach der Geburt und mit dem Stillen.

Mack: Das ist aber sehr schade, wird denn in Frankreich nicht so viel gestillt?

Pagani: Nein, das spielt dort eher eine untergeordnete Rolle, viele Frauen gehen auch schon zehn Wochen nach der Geburt wieder in Vollzeit arbeiten. Da können Sie ohnehin nicht lange stillen.

Mack: Fühlen Sie sich denn auch privat wohl Deutschland?

Pagani: Ja, ich genieße mit meinen Mann und Kindern ein entspanntes Leben in der Pfalz, mit einer sehr guten Lebensqualität und viel Natur drum herum. Unsere beiden Kinder sind auch in Deutschland geboren, aber außerhalb einer Klinik. Die Geburten auf ganz natürliche Weise zu erleben war für mich sehr wichtig.

Mack: Das kann ich mir gut vorstellen. Was ist Ihnen denn wichtig für die Ausbildung der Hebammen hier an der Uniklinik?

Pagani: Mir ist wichtig, dass die Hebammenschülerinnen Vertrauen zu mir haben und sich freuen, wenn ich zur Anleitung komme. Sie sollen wissen, dass ich für sie da bin und sie unterstützen möchte. Mit Druck erreicht man gar nichts. Ich möchte sie mit meiner Begeisterung für den Hebammenberuf anstecken und ihnen viel mit auf den Weg geben. Ich möchte, dass die Hebammenschülerinnen mit sehr viel Wissen aus der Ausbildung kommen. Sie sollen wissen, warum sie etwas machen. Es geht gar nicht, dass man sagt: „Das haben wir schon immer so gemacht“. Das ist kein Grund. Die Geburt ist ein so intimer Vorgang und es ist sehr wichtig, dass man dabei nicht unnötig eingreift. Jedes Eingreifen muss gut begründet sein. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass man Mutter und Kind Schaden zufügt.

Mack: Haben Sie das denn so erlebt?

Pagani: Ja, ich habe leider schon häufiger erleben müssen, wie durch unnötige Eingriffe die Geburt negativ beeinflusst wurde und dadurch weitere Eingriffe notwendig wurden. Die Frauen haben am Ende dann das Gefühl, dass sie es ohne medizinische Hilfe nicht geschafft hätten. Ich meine, die Natur regelt nicht immer alles gut, man braucht die Medizin. Ich selbst trage eine Brille bzw. Kontaktlinsen und bin froh um diese Hilfsmittel. Ohne das wäre ich sicher schon längst in irgendein Loch gefallen und hätte mir mindestens furchtbar wehgetan, wenn nicht Schlimmeres. Aber eine Geburt ist primär kein medizinisches Ereignis, sondern ein sehr intimer Vorgang, bei dem man durch unnötige Interventionen sehr viel Unheil anstiften kann. Da muss man sich gut überlegen, ob ein Eingreifen sinnvoll ist oder nicht. Man muss viel wissen, um wenig zu tun.

Mack: Warum ist Ihnen das so wichtig?

Pagani: Ich glaube, das hat auch mit meiner persönlichen Geschichte zu tun. Meine Mutter war, als sie mit mir schwanger war, mit dem Chefarzt der Klinik bekannt. Sie wollte gerne eine ganz normale Geburt haben. Als nun die Wehen einsetzten, war der Chefarzt leider im Urlaub. Und als der noch etwas unerfahrene Oberarzt die Notiz „privat vom Chef“ auf der Akte gelesen hatte, hat er vor lauter Unsicherheit einen Kaiserschnitt angeordnet. Die Hebamme hat das sehr bedauert, denn sie sah, dass die Geburt eigentlich gut voranging und eine Spontangeburt möglich gewesen wäre.

Mack: Frau Pagani, wir freuen uns sehr, dass Sie uns mit Ihrem umfangreichen Wissen und Ihrer großen Erfahrung bei der Ausbildung unterstützen und wünschen Ihnen viel Freude und Erfolg mit Ihrer neuen Aufgabe.
Wir sind sehr dankbar, dass das UKS diese Stelle eingerichtet hat.

 

Über das Schulzentrum

Das UKS ist einer der größten Ausbildungsbetriebe in der Region. Zehn verschiedene anerkannte Ausbildungsstätten für medizinische Gesundheitsfachberufe sowie das Referat für Fort- und Weiterbildung sind hier angesiedelt – mit über 700 Ausbildungsplätzen sowie 142 Weiterbildungsplätzen.

Ziel ist es, dass die Auszubildenden Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, die zu einer adäquaten Patientenversorgung beitragen. Ein schulübergreifendes Miteinander soll die Auszubildenden auf eine berufsübergreifende Zusammenarbeit vorbereiten.