Management einer Corona-Beatmungsstation im Universitätsklinikum des Saarlandes

Viele von Euch fragen sich vielleicht, wie man sich die Arbeit auf einer COVID 19-Station vorzustellen hat. Fragen wir doch einmal die Profis. Jürgen Noe, Bereichsleiter auf der M5-ICU, und Frank Lehmann, stellvertr. Stationsleitung, schildern eindrücklich, was sich auf der pneumologischen Intensivstation des Universitätsklinikums des Saarlandes in Homburg seit dem 20. März 2020 ereignet hat. An diesem Tag kam der erste intensivpflichtige Corona-Patient über die internistische Notaufnahme auf deren pneumologische Intensivstation.

Vorbereitung

Bereits im Vorfeld hatten wir einen Flügel unserer Intensivstation (IMC-Bereich) mit Beatmungsgeräten, zusätzlicher Infusionstechnik und Modulen für erweitertes Monitoring, (HZV- Anaconda- Druck- und Kapnographiee- Module) auf kompletten Intensivstandard aufgerüstet.

Diesen Bereich konnte über eine Brandschutztür mit einem Schleusenbereich von der restlichen Intensivstation abgetrennt werden. Somit  verfügte unsere pneumologische Intensivstation  nun über 24 Beatmungsplätze und einen abgetrennten Flügel, der als Corona Bereich diente. Das zur Verfügung stehende Intensivpersonal war zahlenmäßig jedoch nur zur Überwachung und Pflege von 15 Beatmungspatienten im Stande!

Freundlicherweise gab es Unterstützung aus vielen Pflegebereichen mit zusätzlichen Pflegekräften. Die meisten dieser Pflegekräfte hatten jedoch keine ausreichende Erfahrung auf einer Intensivstation.

Zum besseren Infektionsschutz unseres Personals vor Corona erfolgte die Etablierung eines besonderen Sicherheitskonzepts. Dieses war inspiriert durch die pulmonologische Klinik in Neapel, die als einzige Klinik in ganz Italien keine Infektion des Personals zu verzeichnen hatte. Das interne Konzept der Schutzausrüstung bestand aus vollständigen Schutzanzügen mit Kapuze, FFP3 Masken, Schutzbrille, Vollvisier, zwei Paar Handschuhen sowie Überschuhen für den Corona-Bereich. Dies übertraf vom Standard auch die RKI-Richtlinien. Das An- und Auskleiden der Schutzkleidung wurde speziell in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hygiene eingeübt.

Bereits am  23. März 2020 waren sechs französische Patienten zur Übernahme angedacht. Hierzu wurde sofort ein weiterer Flügel unserer Intensiveinheit für Corona gebraucht. Durch die baulichen Gegebenheiten, konnten wir, über eine neu eingerichtete große Schleuse 16 Beatmungsplätze, als geschlossene Einheit belegen. Hier konnte man sich somit in voller Schutzkleidung frei bewegen. Ein Springerdienst wurde eingerichtet, um über die Schleuse, via Telefon, alle benötigten Materialien in den COVD-Bereich zu bringen. Somit blieben die zentrale Überwachung, die Büros und die Aufenthaltsräume rein.

Es geht los

Ab dem 23. März 2020 wurden innerhalb kürzester Zeit alle 16 Betten im „COVID-Bereich“ belegt.

Bis dato hatte ich in meiner über 35-jährigen Intensiv-Erfahrung noch niemals so viele schwerstkranke Menschen auf einmal gesehen. Alle 16 Patienten waren beatmet, kreislaufinstabil, und benötigten aufwändige Pronationsbehandlungen. Acht der ersten sechzehn Patienten wurden im Laufe der Zeit bei therapierefraktärer Hypoxämie ECMO-pflichtig. 12 von 16 Patienten benötigten im Verlauf auch eine kontinuierliche Dialyse. Insgesamt entstand somit in kürzester Zeit eine maximale Belastung unseres Personals.

Eine Achtstundenschicht des Pflegepersonals in Vollschutz unter dieser Belastung  war nicht mehr zumutbar. Nach vier Stunden waren die Masken bereits  durchfeuchtet, die Mitarbeiter völlig durchgeschwitzt. Hinter  den Ohren und auf der Nase, sowie  der Stirn bildeten sich durch die Masken ausgeprägte Druckstellen. Das Team war in kurzer Zeit bereits körperlich und geistig ausgelaugt. So waren wir gezwungen die Teams in den einzelnen Schichten aufzuteilen, sodass ein Teil des Teams im COVID-Bereich die Patienten betreute und ein Teil des Teams im Aufenthaltsraum pausieren konnte.

Die Reduktion der Pflegekräfte im COVID-Bereich bei dieser höchsten Arbeitsdichte mit schwerkranken Patienten führte zu einem erhöhten Stresspegel beim Pflegepersonal. Sogar erfahrene Pflegekräfte fühlten sich extrem überlastet, da sie zum Teil vier dieser schwerstkranken Patienten betreuen mussten.

Zu dieser Zeit las ich eine Studie über die Belastung des Personals in Wuhan von Prof. Nagel aus Bayreuth. Diese beschäftigte sich mit Konzepten zur Optimierung der Arbeitsabläufe und des Mitarbeiterschutzes während der Pandemie. Die Studie zeigte einige wichtige Überlebensregeln die sich in Wuhan entwickelt hatten.

Als Quintessenz zeigte sich eine klare Relation zwischen kürzeren Arbeitsschichten mit einer erhöhten  Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten, sowie einer niedrigeren Ansteckungswahrscheinlichkeit des Personals. In der ersten hektischen Phase der Pandemie arbeiteten Ärzte und medizinisches Personal in Wuhan oft 12 bis 14 Stunden am Stück. In dieser Phase kam es zu einer deutlich erhöhten Ansteckungsrate unter dem Klinikpersonal.

Diese Entwicklung zeigte sich auch  in Italien und Spanien. Erst als in China sehr viel mehr Personal zur Hilfe kam und die Schichten auf sechs Stunden verkürzt werden konnten sank auch  die Ansteckungs- und Sterberate.

Das Personal konnte sich durch die verringerte Belastung sehr viel genauer an die Hygiene-Vorschriften halten.

Prof. Nagels Fazit:

Die Lehre für Deutschland und Europa ist, dass eine Sechs-Stunden-Schicht Leben rettet. Wichtig ist es auch, in der Vorbereitungsphase ausreichend Personal zu bekommen, das angelernt werden kann. Dazu zählt die Rekrutierung von ehemaligen Mitarbeitern und von Medizinstudierenden. Es hilft dass andere Bereiche in den Krankenhäusern ihre Aktivität herunterfahren und somit das Personal aus diesen Abteilungen auch für die Behandlung der Corona-Patienten eingesetzt werden kann.

Das sahen wir als Chance für unsere Patienten und Mitarbeiter.

Auf Grund der frühzeitigen Zu-Versetzung und Einarbeitung der Pflegekräfte von Normalstation war es uns durch eine Durchmischung des Personals möglich, auch unser Schichtsystem auf ein Vierschichtsystem à sechs Stunden umzustellen.

Am 10. April 2020 hatten wir das komplette Personal der Station, das Dezernat für Personal und den Personalrat informiert. Der gesamte Dienstplan für den Monat April wurde in kürzester Zeit umgeschrieben. Durch die Durchmischung und Verteilung der Pflegekräfte auf sechs Stunden Schichten waren nun wesentlich mehr Pflegekräfte im COVID-Bereich gleichzeitig einzusetzen. Das Arbeiten war somit unvergleichlich stressfreier und effektiver als zuvor.

Es gab in der Zeit der kürzeren Schichten nur unwesentliche Ausfälle des Personals durch Erkrankung.

Die genehmigten Dienstpläne ließ ich weitgehend unangetastet was Frei und den Schichtrhythmus mit Früh-, Spät- und Nachtschicht anging. Einige Mitarbeiter kamen freiwillig aus dem Urlaub und Frei zum Dienst um die Kollegen in dieser Situation zu unterstützen.

Zunächst holte ich niemanden aus dem Frei, oder ließ auf Grund der kürzeren Schichten die Mitarbeiter häufiger arbeiten, da nicht abzusehen war ob wir weitere Betten in Zukunft belegen müssten. Aktuell  hat sich die Lage entspannt.

Bisher gab es keine einzige COVID-19 Infektion unter dem Personal der ICU. Von 33 COVID-19 Patienten seit dem 20. März 2020 sind bisher nur fünf Patienten auf unserer Intensivstation gestorben. Neun Patienten sind zurzeit in unserem COVID-Bereich in Behandlung, davon vier weiterhin an ECMO.

Am 11. Mai 2020, nach dem Höhepunkt der  COVID-Krise, haben wir die Sechs-Stunden-Schichten wieder abgeschafft.

Wir danken unserem Team für die unglaubliche Leistung!

Jürgen Noe, Bereichsleiter, und Frank Lehmann, stellvertr. Stationsleitung